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Karriere

Was ein Ort für den eigenen Beruf hergibt

Ob eine Stadt für den eigenen Beruf etwas hergibt, entscheidet sich nicht an ihrer Einwohnerzahl. Vier Kennzahlen beschreiben einen regionalen Arbeitsmarkt besser als jedes Städteranking – und sie lassen sich in einer halben Stunde selbst erheben.

6 Min. Lesezeit von Steven Schulz

Wer über einen Ortswechsel nachdenkt, prüft zuerst die Stadt und erst danach den Arbeitsmarkt. Das ist die falsche Reihenfolge. Eine Stadt, die als lebenswert gilt, kann für einen bestimmten Beruf fast nichts hergeben, und eine unscheinbare Mittelstadt kann in derselben Tätigkeit zwanzig Arbeitgeber haben.

Dieser Text beschreibt, wie sich ein regionaler Arbeitsmarkt für genau einen Beruf beurteilen lässt – mit Zahlen, die jeder selbst erheben kann, und ohne auf ein Ranking zu vertrauen, das über alle Berufe hinweg mittelt.

Die Einwohnerzahl sagt fast nichts

Die naheliegende Annahme lautet: große Stadt, viele Stellen. Sie stimmt im Mittel und ist im Einzelfall regelmäßig falsch, weil die Wirtschaftsstruktur einer Region stärker wirkt als ihre Größe.

Im Anzeigenbestand dieses Portals lässt sich das nachsehen. Stand September 2026 stehen Osnabrück und Ulm mit rund achtzig bis neunzig offenen Stellen beieinander, obwohl sie unterschiedlich groß sind; Kiel liegt mit gut hundert Anzeigen vor mehreren größeren Ruhrgebietsstädten. Solche Verschiebungen entstehen nicht zufällig, sondern weil in einer Region Betriebe einer bestimmten Art sitzen und in der anderen nicht.

Für Sie folgt daraus: Die Frage ist nie „Wie groß ist der Arbeitsmarkt?", sondern „Wie groß ist er für mich?".

Vier Kennzahlen

Erheben Sie für jeden Ort, der in Frage kommt, dieselben vier Werte. Erst der Vergleich macht sie aussagekräftig.

Erstens: die Zahl der Ausschreibungen in Ihrem Beruf. Nicht die Gesamtzahl der Stellen am Ort, sondern die Treffer für Ihre Tätigkeit. Suchen Sie dabei nicht nur nach Ihrer genauen Berufsbezeichnung, sondern auch nach zwei oder drei gebräuchlichen Varianten – Stellentitel sind uneinheitlich, und wer nur eine Schreibweise prüft, unterschätzt den Markt systematisch.

Zweitens: die Zahl der verschiedenen Arbeitgeber. Das ist die wichtigere Zahl, und dazu unten mehr. Zählen Sie die Firmennamen hinter den Treffern, nicht die Treffer selbst.

Drittens: die Vertragsformen. Wie viele der Ausschreibungen sind unbefristet, wie viele Vollzeit, wie viele Zeitarbeit? Ein Ort mit dreißig Stellen, von denen zwanzig über Personaldienstleister laufen, hat einen anderen Arbeitsmarkt als einer mit fünfzehn Direktanstellungen.

Viertens: die Bewegung. Sehen Sie sich denselben Ort nach drei oder vier Wochen erneut an. Sind die Anzeigen dieselben, ist der Bestand alt und die Stellen sind schwer besetzbar – was für Bewerber gut sein kann. Sind es andere, fließt der Markt, und das ist der bessere Befund: Er bedeutet, dass auch in vier Monaten etwas da sein wird, wenn Ihre Kündigungsfrist abgelaufen ist.

Warum die Zahl der Arbeitgeber zählt

Stellen sind ein Bestand, Arbeitgeber sind eine Struktur. Wer an einen Ort zieht, an dem sein Beruf bei drei Betrieben vorkommt, hat keinen Arbeitsmarkt vor sich, sondern drei Möglichkeiten – und nach der ersten Stelle noch zwei.

Das ist der eigentliche Einsatz beim Ortswechsel. Solange Sie im alten Wohnort bleiben, kostet ein Arbeitgeberwechsel Sie eine Bewerbung. An einem Ort mit dünner Besetzung kostet er womöglich einen zweiten Umzug. Deshalb ist die Frage nach der Zahl der Arbeitgeber keine Zusatzinformation, sondern die Risikoabschätzung des ganzen Vorhabens.

Eine brauchbare Faustregel: Unter fünf ernsthaft in Frage kommenden Arbeitgebern in erreichbarer Entfernung sind Sie von einzelnen Betrieben abhängig. Ab etwa einem Dutzend haben Sie einen Markt, auf dem Sie sich bewegen können – und damit auch eine andere Ausgangslage, wenn es um Gehalt geht.

Der Ort ist die falsche Einheit

Arbeitsmärkte enden nicht an Stadtgrenzen. Wer nach Ludwigsburg zieht, arbeitet mit einiger Wahrscheinlichkeit in Stuttgart; wer in Bonn wohnt, hat Köln in Reichweite. Prüfen Sie deshalb nie einen Punkt, sondern einen Umkreis.

Legen Sie dafür vorab fest, welche Fahrzeit Sie dauerhaft akzeptieren – nicht welche Sie im Notfall schaffen. Was ein langer Weg über Jahre tatsächlich kostet, steht in Was Pendeln an Zeit kostet. Aus dieser Fahrzeit ergibt sich ein Gebiet, und dieses Gebiet ist Ihr Arbeitsmarkt. Es kann drei Städte umfassen oder eine halbe.

Prüfen Sie dabei die Richtung. Ein Umkreis von vierzig Kilometern ist in einem Ballungsraum ein anderes Versprechen als in einer dünn besiedelten Region, und er ist auch innerhalb desselben Radius ungleich verteilt: Wer am Rand eines Verdichtungsraums wohnt, hat die Hälfte seines Kreises im Grünen liegen.

Was die Größenordnungen bedeuten

Ein paar Anhaltspunkte aus dem eigenen Bestand, Stand September 2026. Die Spitze der Ortsliste bilden Hamburg und Berlin mit jeweils mehreren hundert offenen Stellen. Um Rang zwanzig herum liegt ein Ort noch bei etwa hundert Anzeigen, um Rang fünfzig herum bei etwa dreißig. Rund zwei Drittel aller Orte, für die dieses Portal eine eigene Seite führt, kommen auf weniger als 25 offene Stellen.

Diese Verteilung ist nicht die Besonderheit eines Portals, sondern die Gestalt des deutschen Arbeitsmarkts: Ein kleiner Teil der Orte trägt einen großen Teil der Ausschreibungen. Wer also in einem Ort außerhalb der ersten fünfzig sucht, darf keine lange Liste erwarten – und sollte aus einer kurzen Liste nicht auf einen schlechten Arbeitsmarkt schließen. In einer Stadt mit zwanzig offenen Stellen kann Ihr Beruf gut vertreten sein oder überhaupt nicht vorkommen. Das entscheidet sich beim Hinsehen, nicht an der Summe.

Ein Hinweis zur Lesart: Kein Portal bildet den vollständigen Markt ab. Ein Teil der Stellen wird intern besetzt, ein Teil über Netzwerke, ein Teil nur auf der Seite des Betriebs ausgeschrieben. Nutzen Sie die Zahlen deshalb als Vergleichsmaßstab zwischen Orten – dafür taugen sie gut – und nicht als Inventur.

Der Durchgang in dreißig Minuten

Nehmen Sie sich zwei oder drei Orte vor und gehen Sie für jeden dieselben Schritte:

  1. Die Ortsseite aufrufen und sehen, wie viele Stellen insgesamt dort liegen und wie sie sich auf Berufsfelder verteilen – für Leipzig, Dresden oder Hannover steht das jeweils auf einer Seite.
  2. Das eigene Berufsfeld auswählen – etwa Gesundheit und Pflege, Handwerk, Logistik oder IT und Software – und die Treffer durchzählen.
  3. Die Firmennamen notieren und Doppelungen streichen. Das ist Ihre Arbeitgeberzahl.
  4. Die Vertragsformen überschlagen: unbefristet, befristet, Zeitarbeit.
  5. Dasselbe für die zwei bis drei Nachbarorte im gewählten Radius wiederholen.
  6. Das Ergebnis aufschreiben und den Termin für den zweiten Durchgang in vier Wochen setzen.

Am Ende haben Sie keine Prognose, aber eine Beschreibung – und die ist mehr, als die meisten haben, wenn sie über einen Umzug entscheiden.

Wenn die Prüfung schlecht ausfällt

Ein dünnes Ergebnis ist kein Grund, den Ort zu streichen, aber ein Grund, die Bedingungen zu ändern. Drei Auswege sind üblich.

Der erste ist der breitere Radius: Wer die akzeptierte Fahrzeit um zwanzig Minuten erhöht, verändert die Zahlen oft erheblich. Der zweite ist der breitere Beruf. Viele Tätigkeiten kommen unter mehreren Bezeichnungen und in mehreren Branchen vor; wer nur nach dem eigenen Titel sucht, sieht einen Teil des Markts nicht. Was dabei möglich ist, steht in Quereinstieg.

Der dritte Ausweg ist der unbequemste und oft der richtige: einen anderen Ort wählen. Ein Umzug, der an einem dünnen Arbeitsmarkt endet, ist nicht dadurch besser, dass die Stadt schön ist. Was der Wechsel kostet und ab wann er sich rechnet, steht in Umzug für den Job.

Wenden Sie das direkt an: Im Stellenmarkt stehen Anzeigen aus ganz Deutschland, und zu jedem Beruf finden Sie die Aufgaben und die üblichen Gehälter daneben.

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