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Bewerbung

Arbeitgeber am Ort recherchieren

Wer sich in einer fremden Stadt bewirbt, kennt die Betriebe nicht, die dort jeder kennt. Welche öffentlichen Quellen es gibt, was sie hergeben und woran man einen Arbeitgeber erkennt, bevor man ihn trifft.

6 Min. Lesezeit von Steven Schulz

Wer am eigenen Wohnort sucht, weiß meist ungefähr, welche Betriebe als gute Arbeitgeber gelten und welche nicht. Dieses Wissen ist beiläufig entstanden, über Jahre, aus Gesprächen. In einer fremden Stadt fehlt es vollständig – und das ist der eigentliche Nachteil der auswärtigen Bewerbung, nicht die Entfernung.

Der Nachteil lässt sich zu einem guten Teil ausgleichen, weil vieles öffentlich zugänglich ist. Dieser Text beschreibt, welche Quellen es gibt, was jede von ihnen tatsächlich beantwortet und in welcher Reihenfolge Sie sie durchgehen sollten.

Zuerst: Was wollen Sie wissen?

Recherche ohne Fragestellung endet in einer Stunde Lektüre ohne Ergebnis. Fünf Fragen genügen, und sie sind für jeden Arbeitgeber dieselben:

  1. Wie groß ist der Betrieb, und ist der Standort, um den es geht, die Zentrale oder eine Niederlassung?
  2. Wem gehört er, und hat sich das zuletzt geändert?
  3. Wie steht er wirtschaftlich da?
  4. Gibt es einen Betriebsrat, und gilt ein Tarifvertrag?
  5. Wie wird über ihn als Arbeitgeber gesprochen – am Ort und von Beschäftigten?

Die ersten drei Fragen beantworten Register und Veröffentlichungen. Die vierte steht manchmal in der Ausschreibung und sonst nirgends. Die fünfte ist die schwerste, weil die zugängliche Quelle dafür die schlechteste ist.

Die Register

Zwei öffentliche Quellen sind kostenfrei und liefern belastbare Angaben.

Das Handelsregister ist seit dem 1. August 2022 gebührenfrei einsehbar. Sie finden dort die Rechtsform, den Sitz, das Gründungsdatum, die vertretungsberechtigten Personen und – über die hinterlegten Dokumente – auch Änderungen: Sitzverlegungen, Umfirmierungen, Verschmelzungen, Wechsel in der Geschäftsführung. Ein Betrieb, bei dem in achtzehn Monaten dreimal die Geschäftsführung gewechselt hat, ist kein Ausschlussgrund, aber eine Frage wert.

Das Unternehmensregister führt die Rechnungslegungsunterlagen offenlegungspflichtiger Gesellschaften. Für kleine Gesellschaften ist der Umfang gering, für größere finden Sie Bilanz, Anhang und oft einen Lagebericht. Sie müssen keine Bilanz lesen können, um drei Dinge zu sehen: ob die Beschäftigtenzahl steigt oder fällt, ob das Eigenkapital positiv ist und ob im Lagebericht von Restrukturierung die Rede ist.

Die dritte Quelle ist die unangenehmste und die eindeutigste: die Insolvenzbekanntmachungen der Länder. Ein Blick dauert eine Minute. Er ist vor allem dann angebracht, wenn Sie kündigen wollen, um bei diesem Betrieb anzufangen.

Die Kammern und die örtliche Öffentlichkeit

Register sagen, was ein Betrieb formal ist. Was er am Ort bedeutet, steht woanders.

Industrie- und Handelskammer sowie Handwerkskammer führen Mitgliederverzeichnisse und veröffentlichen regelmäßig Konjunkturberichte für ihren Bezirk. Diese Berichte sind langweilig und außerordentlich nützlich: Sie benennen, welche Branchen in der Region gerade einstellen und welche nicht, und sie sind regional zugeschnitten, während bundesweite Meldungen es nie sind.

Die örtliche Tageszeitung ist die unterschätzte Quelle. Größere Arbeitgeber kommen dort vor, wenn sie erweitern, wenn sie Stellen abbauen, wenn sie einen Tarifkonflikt haben. Ein Archivdurchgang über die letzten zwei Jahre mit dem Firmennamen dauert zwanzig Minuten und ersetzt jedes Imagevideo.

Hinzu kommen Wirtschaftsförderung und Standortportale der Stadt oder des Landkreises. Sie sind werblich und deshalb einseitig, aber sie listen zuverlässig auf, wer die größten Arbeitgeber am Ort sind – und genau diese Liste brauchen Sie, wenn Sie nicht nur auf eine Stelle, sondern auf eine Region zugehen wollen.

Die Ausschreibungen selbst

Die Ausschreibungen eines Betriebs sind eine Quelle über den Betrieb, nicht nur über die Stelle.

Sehen Sie nach, wie viele Stellen ein Arbeitgeber gleichzeitig ausschreibt und in welchen Bereichen. Ein Unternehmen, das dreißig Stellen quer durch alle Abteilungen sucht, wächst – oder hat ein Problem mit der Fluktuation. Beides ist wichtig, und man kann im Gespräch danach fragen.

Achten Sie außerdem darauf, ob dieselbe Stelle über Monate immer wieder erscheint. Das ist ein deutliches Zeichen: Entweder ist die Position schwer zu besetzen, oder sie wird schnell wieder frei.

Die Ortsseiten dieses Portals eignen sich dafür, weil sie die Arbeitgeber einer Stadt nebeneinanderstellen – für Stuttgart, Nürnberg oder Bielefeld ebenso wie für kleinere Orte. Wer zusätzlich nach Berufsfeld eingrenzt, etwa auf Technik, Verwaltung oder Bau, sieht schnell, welche Namen wiederkehren.

Tarifbindung und Betriebsrat

Diese beiden Punkte verändern das Arbeitsverhältnis stärker als fast alles, was in der Stellenanzeige steht – und sie werden selten erwähnt.

Ein Hinweis auf einen Tarifvertrag in der Ausschreibung ist eine Auskunft; das Fehlen eines Hinweises ist keine. Fragen Sie deshalb im Gespräch direkt: Gilt ein Tarifvertrag, und wenn ja, welcher? Gibt es eine Betriebsvereinbarung zu Arbeitszeit und mobiler Arbeit? Gibt es einen Betriebsrat? Die Fragen sind üblich und nicht heikel. Was Tarifbindung praktisch bedeutet und wie stark sie sich regional unterscheidet, steht in Tarifbindung: wie sie sich nach Region unterscheidet.

Ein Nebenbefund: Ein Betrieb ohne Betriebsrat ist nicht automatisch ein schlechter Arbeitgeber, aber ein Betrieb, der auf die Frage nach dem Betriebsrat unwirsch reagiert, hat Ihnen etwas mitgeteilt.

Bewertungsportale richtig lesen

Arbeitgeberbewertungen im Netz sind die meistgenutzte und die unzuverlässigste Quelle. Das liegt in der Natur der Sache: Wer zufrieden ist, schreibt selten, wer im Streit gegangen ist, schreibt oft, und manche Bewertungen entstehen unter Mitwirkung des Arbeitgebers.

Trotzdem lassen sie sich nutzen, wenn Sie die Gesamtnote ignorieren und stattdessen drei Dinge tun:

  • Auf Wiederholungen achten. Eine einzelne Beschwerde über den Vorgesetzten sagt nichts. Sieben Texte aus drei Jahren, die dieselbe Abteilung und dasselbe Muster beschreiben, sagen etwas.
  • Auf Konkretes achten. Nachprüfbare Angaben – Schichtmodelle, Urlaubsregelungen, Einarbeitungsdauer – sind belastbarer als Stimmungen.
  • Auf den Standort achten. Bewertungen mischen häufig alle Niederlassungen. Für Sie zählt der Standort, an dem Sie arbeiten würden, und der kann sich vom Rest des Unternehmens deutlich unterscheiden.

Die bessere Quelle ist ein Gespräch. Wer im Zielort jemanden kennt, der in der Branche arbeitet, erfährt in zehn Minuten mehr als in zwei Stunden Lektüre. Auch Berufsverbände, Innungen und Gewerkschaften am Ort geben auf konkrete Fragen oft Auskunft.

Der Ortstermin

Wenn Sie ohnehin zu einem Gespräch anreisen, nutzen Sie den Tag für Beobachtungen, die keine Quelle liefert.

Fahren Sie den Arbeitsweg zur tatsächlichen Uhrzeit. Sehen Sie sich das Betriebsgelände von außen an: Ist der Parkplatz voll, ist das Gebäude gepflegt, wie viele Fahrzeuge tragen den Firmennamen? Gehen Sie in der Mittagszeit in die nächstgelegene Kantine oder Bäckerei. Das sind keine belastbaren Indikatoren, aber sie korrigieren manchmal ein Bild, das aus Unterlagen entstanden ist.

Und stellen Sie im Gespräch die Frage, die am meisten hergibt: Warum ist diese Stelle frei? Die Antwort – Wachstum, Nachfolge, Rückkehr aus der Elternzeit, Kündigung – ordnet vieles ein, was Sie vorher gelesen haben. Wie Sie ein solches Gespräch aufbauen, steht in Vorstellungsgespräch vorbereiten.

Was die Recherche nicht kann

Sie sagt Ihnen nichts über die Person, für die Sie arbeiten werden. Die Arbeitszufriedenheit hängt in den meisten Fällen an der direkten Führungskraft und am Team, und dazu gibt es keine Quelle außer dem Eindruck aus dem Gespräch und der Probezeit.

Die Recherche schützt deshalb nicht vor einer Fehlentscheidung, sondern vor einer bestimmten Art davon: dem Wechsel in einen Betrieb, dessen Lage man hätte kennen können. Für einen Umzug über mehrere hundert Kilometer ist das der Unterschied zwischen einem Risiko und einem vermeidbaren Fehler.

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