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Bewerbung

Das Anschreiben und die Frage nach dem Wohnort

Ein Anschreiben beantwortet vier Fragen, die niemand laut stellt. Bei einer Bewerbung über Stadtgrenzen hinweg kommt eine fünfte dazu – und die entscheidet oft, ob überhaupt eingeladen wird.

6 Min. Lesezeit von Steven Schulz

Ein Anschreiben wird nicht gelesen, um etwas zu erfahren. Es wird gelesen, um etwas zu prüfen. Die Stationen stehen im Lebenslauf, die Fremdurteile in den Zeugnissen. Was in keinem der beiden Dokumente steht, ist eine Absicht – und die zu liefern ist die einzige Aufgabe dieses Textes.

Deshalb geht dieser Artikel nicht über den Absatzbau, sondern über die Fragen, die beim Sichten im Kopf mitlaufen. Eine davon kommt in Bewerbungsratgebern kaum vor, obwohl sie bei jeder Bewerbung über eine Stadtgrenze hinweg im Raum steht.

Erste Entscheidung: wird überhaupt eines verlangt?

Bevor Sie über Formulierungen nachdenken, klären Sie, ob ein Anschreiben gewünscht ist. Ein wachsender Teil der Ausschreibungen verzichtet ausdrücklich darauf – besonders in gewerblichen und pflegerischen Berufen und überall dort, wo die Bewerbung durch ein Onlineformular läuft. Fehlt dort das Feld, ist das keine Lücke im Verfahren, sondern eine Entscheidung. Halten Sie sich daran.

Andersherum gilt: Ein ausdrücklich verlangtes, aber nicht beigelegtes Anschreiben ist einer der wenigen Ablehnungsgründe, die vollständig in Ihrer Hand liegen. Lesen Sie die Ausschreibung bis zum letzten Satz, bevor Sie eine Zeile schreiben.

Die vier Fragen, die beim Sichten mitlaufen

Wer Bewerbungen durchsieht, arbeitet eine kurze, immer gleiche Liste ab:

  • Bringt die Person das Fachliche mit?
  • Hat sie einen Grund, zu uns zu wollen – und nicht irgendwohin?
  • Warum wechselt sie gerade jetzt, und woher kommt sie?
  • Ab wann kann sie anfangen, zu welchen Bedingungen?

Vier Fragen, vier Gedanken. Wer sie in dieser Reihenfolge beantwortet, braucht kein Gliederungsschema. Und jeder Satz, der zu keiner der vier gehört, kann ersatzlos weg.

Die dritte Frage ist oft eine Ortsfrage

Sobald Ihre Anschrift und der Arbeitsort nicht zusammenpassen, entsteht beim Lesen eine stille Rechnung: Wie kommt diese Person morgens hierher, und wie lange hält sie das durch? Wird die Rechnung nicht beantwortet, endet sie regelmäßig zu Ihren Ungunsten – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil eine Einstellung, die nach drei Monaten an der Fahrzeit scheitert, teuer ist.

Beantworten Sie die Rechnung also, bevor jemand sie anstellt. Drei Sätze genügen, und welche es sind, hängt von Ihrer Lage ab.

Der Umzug steht bereits fest. Dann ist es keine Bewerbung aus der Ferne, sondern eine aus der Stadt. Schreiben Sie das mit Datum: dass Sie zum ersten März nach Hamburg ziehen, ist eine Tatsache, kein Vorhaben, und ändert die Lesart des gesamten Schreibens.

Der Umzug hängt an der Stelle. Das ist der häufigste Fall und der, den man am ehesten verschweigt. Zu Unrecht: Sagen Sie, dass Sie im Fall einer Zusage umziehen, und nennen Sie den Zeitraum, den Sie dafür brauchen. Wer sich aus einem laufenden Arbeitsverhältnis heraus bewirbt, rechnet dabei die eigene Kündigungsfrist ein – wie sie sich bestimmt, steht in Kündigung und Kündigungsfristen.

Sie bleiben wohnen und pendeln. Dann nennen Sie die Verbindung, nicht die Entfernung. Zwischen Köln und Düsseldorf ist die Zahl der Kilometer belanglos und der Takt der Bahn die eigentliche Auskunft. Wenn Sie die Strecke schon einmal regelmäßig gefahren sind, schreiben Sie das dazu.

Sie ziehen aus persönlichen Gründen um. Familie, Partnerschaft, Pflege von Angehörigen, Rückkehr in die Heimatregion – ein Halbsatz reicht, und er wirkt stärker als jede Beteuerung. Ein Ortswechsel mit einem nachvollziehbaren Grund wirkt beständig; einer ohne Begründung wirkt wie ein Versuch.

Was Sie in keinem dieser Fälle tun sollten: die Entfernung kleinreden. Wer aus Leipzig nach München schreibt, dass der Weg "gut machbar" sei, verliert genau an dieser Stelle die Glaubwürdigkeit, die der restliche Text aufgebaut hat.

Der erste Satz kommt aus der Ausschreibung

Der Einstieg ist die einzige Stelle, an der sich Arbeit unmittelbar auszahlt. Er soll etwas enthalten, das in keiner zweiten Bewerbung stehen kann. Am zuverlässigsten gelingt das über einen inhaltlichen Anker aus der Anzeige selbst: eine Aufgabe, die Sie schon ausgeführt haben, ein Verfahren, eine Maschine, eine Software, eine Kundengruppe, ein Standort.

Zwei Einstiege können Sie streichen, ohne etwas zu verlieren. Der erste ist der über das eigene Gefühl beim Lesen der Anzeige. Der zweite ist der im Konjunktiv. Beides steht in so vielen Bewerbungen, dass es schlicht keine Information mehr trägt.

Ein Beleg je Behauptung

Im Mittelteil sammeln sich Eigenschaftswörter: belastbar, teamfähig, strukturiert, engagiert. Sie sind nicht falsch, sie sind leer – niemand schreibt das Gegenteil über sich.

Nehmen Sie sich deshalb eine einfache Regel vor: Jede Behauptung bekommt genau einen Beleg, und wenn Ihnen keiner einfällt, fällt die Behauptung weg. Aus "belastbar" wird die Zahl der Nachtdienste im Monat. Aus "teamfähig" wird die Größe der Schicht und Ihre Rolle darin. Wer als Elektroniker Anlagen im laufenden Betrieb umgebaut hat, schreibt genau das; das Adjektiv denkt sich beim Lesen von selbst dazu.

Zwei bis drei solcher Belege reichen. Wer die gesamte Anforderungsliste abarbeitet, schreibt eine Tabelle in Satzform.

Verfügbarkeit, Gehalt, Referenznummer

Der Schluss ist der sachlichste Teil und der kürzeste. Hinein gehören der frühestmögliche Eintritt, die Gehaltsvorstellung, falls danach gefragt wurde, und ein Satz zum Gespräch.

Bei der Gehaltsvorstellung gilt: Wer eine ausdrücklich gestellte Frage stillschweigend übergeht, wird darauf angesprochen oder aussortiert. Geben Sie ein Jahresbrutto an oder eine Spanne, die nicht breiter als zehn Prozent ist; die Herleitung steht in Gehalt verhandeln. Beziehen Sie dabei die Lebenshaltungskosten am Zielort ein, wenn Sie in eine andere Region wechseln – dieselbe Zahl bedeutet in Dresden etwas anderes als in Stuttgart.

Steht in der Anzeige eine Referenznummer, gehört sie in den Betreff. In größeren Häusern laufen mehrere Verfahren nebeneinander, und die Nummer ist der Grund, warum Ihre Unterlagen im richtigen Vorgang landen.

Form und Datei

Eine Seite, nicht mehr. Der Kopf trägt beide Anschriften und ein Datum, darunter folgen Betreff, Anrede, Text und die Unterschrift von Hand. Adressiert wird die Person, die in der Anzeige steht; fehlt dort eine, ist die allgemeine Form richtig – aber sehen Sie erst nach, bevor Sie darauf ausweichen.

Als Datei ein PDF mit sprechendem Namen, zusammen mit den übrigen Unterlagen, sofern nichts anderes verlangt ist. Und prüfen Sie, dass der Text als Text durchsuchbar bleibt: Ein eingescanntes Blatt ist für die Software, die Bewerbungen vorsortiert, eine leere Seite.

Die Streichliste

Weg können: Angaben zu Familienstand, Alter und Konfession, solange die Tätigkeit sie nicht erfordert. Der Hinweis, dass Sie sich gern in neue Themen einarbeiten – das wird vorausgesetzt. Jede Aussage über die Marktstellung des Unternehmens, die dort bekannt ist. Und jede Höflichkeitsformel, die zwei Zeilen braucht, um eine Zeile zu sagen.

Nicht zwanzig Fassungen, sondern zwei Bausteine

Wer sich auf zehn Stellen bewirbt, schreibt nicht zehn Texte von Grund auf. Sinnvoll sind zwei feste Bausteine – der Beleg-Mittelteil und der sachliche Schluss – und zwei, die jedes Mal neu entstehen: der erste Satz und der Absatz zum Ort. Genau diese beiden fallen beim Lesen auf, und genau sie unterscheiden eine gezielte Bewerbung von einer verschickten.

Welche Stellen in Ihrer Nähe und in der Zielstadt offen sind, zeigt die Übersicht der offenen Stellenangebote.

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